Interview   11.7.2017

Biere abseits des Massengeschmacks – Interview mit Felix vom Endt von orca brau

Das Bier gehört zu Franken wie 3 Rostbratwürste ins Weckla. Und wer jetzt meint, davon gibt’s sowieso schon viel zu viele, der täuscht sich laut Felix vom Endt aber gewaltig! Der Gründer und Besitzer seiner eigenen Brauerei orca brau mit Sitz in Nürnberg ist der Meinung, von neuem und vor allem kreativem Bier kann es nie genug geben. Wir hatten ihn im Interview!

Interview mit Felix vom Endt von orca brau

Servus Felix! Wer bist du und was machst du?

Hallo, ich bin der Felix, 31 Jahre alt, und habe mich Anfang 2017 mit der kleinen Brauerei „orca brau“ in Nürnberg selbstständig gemacht. Eigentlich bin ich aus der Nähe von München und von klein auf schon immer am Bier interessiert gewesen. Studiert habe ich Soziale Arbeit im oberfränkischen Coburg, wo ich meinen Bierblog www.lieblingsbier.de vor knapp 10 Jahren gründete. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Vancouver, Kanada und nun mehreren Jahren in Berlin, in denen ich vor allem praktische Erfahrung in Brauereien sammeln konnte, reifte die Idee einer eigenen Brauerei immer mehr. Nun braue ich mein eigenes Bier in meiner eigenen Brauerei. Abgefahren!

Felix vom Endt, Gründer und Besitzer von orca brau

Felix vom Endt, Gründer und Besitzer von orca brau

Kannst du den Bier-Laien unter uns den Begriff Craft Beer etwas genauer erklären?

Grundsätzlich gibt es da keine feste Definition und ein jeder legt den Begriff „Craft Beer“ etwas anders aus, deswegen kann ich euch nur sagen, was ich darunter verstehe. Für mich ist „Craft Beer“ zum einen die Herstellung von Bier auf natürlichem und traditionellem Wege, also keine Stabilisatoren, keine Färbemittel, keine Hopfenextrakte, keine weiteren Zusätze. „Craft Beer“ ist aber auch viel mehr, es ist vor allem Kreativität, Leidenschaft und gelebte moderne Bierkultur in der Sorten-, Geschmacks-, und Genussvielfalt.

„Craft Beer ist vor allem Kreativität, Leidenschaft und gelebte moderne Bierkultur in der Sorten-, Geschmacks-, und Genussvielfalt.“

Wie entstand die Idee zu orca brau? Wurden dir die deutschen Kassenschlager Pils und Radler mit der Zeit zu langweilig?

Es gibt nichts gegen Pils, das mag ich sehr gerne, auch Landbiere, Weizenbiere oder das klassische Helle. Im Grunde geht es auch nicht darum, sich gegenüber diesen genannten Biersorten mit „Craft Beer“ abzugrenzen oder gar dagegen zu arbeiten – ein Pils, ein Helles oder ein Weizenbier kann meiner Meinung nach genauso auch als „craft beer“ betitelt werden. Vielmehr kommt es darauf an, wer der Hersteller ist und wie es hergestellt wird.

Die Idee zu „orca brau“ ist allerdings nicht aus der „Langeweile“ gegenüber anderen Bieren entstanden, sondern vielmehr während meiner Zeit in Vancouver. Dort konnte man den „Spirit“ der „Craft Beer Bewegung“ hautnah miterleben und spüren. Durch meine Arbeit in einer angesagten Craft Brewery vor Ort und einem privaten Liquor Store war ich mittendrin statt nur dabei. Da war für mich klar, wohin die Reise irgendwann mal gehen soll.

Hinter den Kulissen von orca brau.

Wie wird man eigentlich Braumeister?

Heutzutage braucht es keinen „Meistertitel“, um gewerblich Bier brauen zu dürfen. Wer es sich zutraut, kann damit beginnen, sich eine eigene Brauerei aufzubauen. Natürlich gibt es Vorschriften und Regelungen, aber machbar ist es grundsätzlich für jeden. Ich bin kein gelernter Brauer, habe aber bereits einige Erfahrungen in kleinen Brauereien und im „Bier-Business“ gemacht. Ansonsten gibt es natürlich die klassische Ausbildung als Brauer aber auch einige Studiengänge und Fortbildungen in denen man nicht nur praktisch sondern auch theoretisch das Brauen und alles dazugehörige erlernen kann. Ich denke, eine Ausbildung oder Studium zum Brauer ist sehr hilfreich und sicherlich nicht verkehrt und ich habe vor jedem „Braumeister“ einen großen Respekt. Ich denke aber auch, dass es mit viel Ehrgeiz, Disziplin, Leidenschaft und Fleiß auch möglich ist, gutes Bier brauen zu können.

„Ich denke, dass es mit viel Ehrgeiz, Disziplin, Leidenschaft und Fleiß auch möglich ist, gutes Bier zu brauen.“

Was waren die größten Herausforderungen bei der Gründung deiner Brauerei?

Herausforderungen gab es wirklich viele. Die gesamte Brauerei ist eine riesige Herausforderung und wird es wohl auch immer bleiben. Aber das ist auch gut so, denn so ist nie Stillstand und es gibt immer neue Aufgaben und Prozesse, um die man sich kümmern muss und die man optimieren kann. Vielleicht die größte Herausforderung für mich war, „Zeit“ zu finden und „Geduld“ zu haben. Beides in Kombination ist gar nicht so einfach und es hat etwas gedauert, bis ich es für mich akzeptieren konnte. Zum Glück hatte ich großen Rückhalt von meiner Familie, die mich vor allem während der Gründungszeit unterstütze und auch Aufgaben übernehmen konnte. Alles alleine zu machen ist gar nicht möglich, so ist es unbedingt ratsam, sich viel Unterstützung zu holen, gerade wenn man als Einzelunternehmer oder „Ein-Mann-Betrieb“ agiert.

Wie schaut es mit der internationalen Bier-Szene aus? Können wir uns von anderen Ländern noch eine Scheibe abschneiden?

Deutschland hat mit seiner langjährigen und traditionellen Biergeschichte im internationalen Vergleich ein Alleinstellungsmerkmal. Ich behaupte mal, in allen anderen Ländern auf diesem Erdball ist die Industrialisierung des Bieres und die Anpassung an den Massengeschmack soweit fortgeschritten, dass die Notwendigkeit nach „neuem“ und vor allem wieder „gutem Geschmack“ im Bier sehr groß war und auch noch heute ist. Bei uns ist dies nicht der Fall. Die klassischen deutschen Sorten wie Pils, Helles oder Hefeweizen gibt es auch heutzutage noch in einer Fülle von so vielen kleinen und mittelständischen Brauereien, die allesamt durchaus gut schmecken, und so der Bedarf nach neuem nicht sonderlich groß ist. Selbst die großen deutschen Industriebiere sind allesamt durchaus trinkbar und nicht „schlecht“ im Geschmack.

Trotzdem herrscht eine große „Einheit“ in der sogenannten Biersortenvielfalt. Ich denke gerade in der Vielfalt und Kreativität – was die Bierstile und Biersorten angeht – können wir uns noch sehr viel abschauen. Ebenso auch im mutigen Prozess des Experimentierens. In Deutschland traut sich kaum einer „neue Wege“ zu gehen, Trends zu setzen oder auch mal Grenzen auszutesten. Hier wird lange ausprobiert und getüftelt bis das „beste Produkt“ entstanden ist, dass dem „Massengeschmack“ am besten entspricht, auch wenn es den Anklang hat „modern“ und „neuartig“ zu sein.

Um auf die Frage zurückzukommen: Deutschland ist im internationalen Vergleich um Jahre abgehängt worden. In anderen Teilen der Welt ist „craft beer“ schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Natürlich wird auch dort viel diskutiert und kritisiert, aber es geht nicht um die Thematik ob „craft beer“ überhaupt eine Daseinsberichtigung hat, wie bei uns. Es geht einfach darum gutes und kreativ hergestelltes Bier zu trinken und Spaß am Produkt zu haben.

„Es geht einfach darum gutes und kreativ hergestelltes Bier zu trinken und Spaß am Produkt zu haben. „

Laut der FAZ gibt es in Deutschland so viele Brauereien wie noch nie. Hattest du nie Angst, dass die Leute gar keine Lust auf ein neues Bier haben?

Nein, ganz im Gegenteil. Deutschland ist und bleibt ein Biertrinkerland und ich bin der festen Überzeugung, dass gerade der Markt der handwerklich hergestellten Kreativbiere weiter wachsen wird. Natürlich ist es aktuell Bier für die Nische, aber diese Nische wächst stetig und ständig – immer weiter – und die bisherige Resonanz auf meine Biere zeigt mir, dass ich damit nicht wirklich falsch liege. Viele beschwören ja schon das Ende der „Craft Beer Bewegung“ in Deutschland, ich bin der Meinung es ging noch gar nicht richtig los.

Ebenso sind meine Biere mit dem Großteil der deutschen Biere nicht wirklich vergleichbar. Ich braue standardmäßig kein Pils, Helles oder Hefeweizen, sondern verschiedenste andere Stile die ich gerne eigen interpretiere und für mich neu auslege und es gibt tatsächlich viele Leute da draußen die genau das wollen und gut finden.

Kreativ und innovativ – so beschreibt Felix vom Endt sein Craft Beer.

Wieso ziehst du Nürnberg anderen Standorten, wie z.B. dem hippen Berlin, für deine Brauerei vor?

Nürnberg ist unsere Heimat und in der Heimat lässt es sich am besten leben und arbeiten. Der Standort der Brauerei war für mich nie eine elementare Frage. Es ging mir nie darum zu brauen wo es „hip“ ist, sondern da, wo ich mich wohlfühle. Natürlich ist der Heimatmarkt sehr wichtig und ich sehe ein großes Wachstumspotenzial für Spezialbiere in der Region. Die Brauerei ist jedoch nicht ortsgebunden, da meine Biere deutschlandweit vertrieben werden.

„Es ging mir nie darum zu brauen wo es „hip“ ist, sondern da, wo ich mich wohlfühle.“

Welches Bier ist der Kassenschlager bei orca brau?

Das erste Bier ist Ende Februar diesen Jahres durch die Zapfhähne geflossen und seitdem habe ich bis heute einige verschiedene Sorten auf den Markt gebracht. Manche öfters, manche nur einmalig. Bisher am beliebtesten ist das Bier mit dem Namen „anders!“. Ein Bier das der Kategorie „Pale Ale“ zuzuschreiben ist, knapp 6,5% Alkohol hat und hauptsächlich mit aromatischem Hopfen im Lagertank versehen wurde. Es hat eine intensive Fruchtigkeit, wenig Bitterkeit und schmeckt einfach lecker.

Kommt als Feierabendbier nur dein eigenes auf den Tisch oder darf’s auch mal ein anderes sein?

Gerne immer mal wieder was anderes. Man will ja schon wissen, was die „Konkurrenz“ so braut 😉

Über Felix vom Endt

Felix vom Endt ist 31 Jahre alt und in Hessen geboren. Aufgewachsen ist er aber südlich von München. Er ist verheiratet und Papa eines kleinen Sohnes (9 Monate). Nach seinem Studium der sozialen Arbeit in Coburg machte er sich als Bierliebhaber 2017 selbstständig mit seiner kleinen Brauerei orca brau in Nürnberg.

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