Interview   04.4.2017

Den Menschen als Ganzes betrachten – Interview mit Physiotherapeut Florian Kehlert

Wer kennt es nicht: Rückenschmerzen nach 8 Stunden im Büro, die Kopfschmerzen werden durch das anstrengende Meeting auch nicht besser und für eine Stunde Sport am Tag ist nun wirklich keine Zeit. Florian Kehlert, selbstständiger Physiotherapeut (und fleißiger Billomat-Nutzer) mit der Spezialisierung auf osteopathische Techniken, kennt das alles. Schließlich kommen tagtäglich Menschen mit genau diesen Beschwerden in seine Praxis. 

Interview mit Florian Kehlert

Hallo Florian! Stell dich unseren Lesern doch bitte kurz vor!

Florian Kehlert, selbstständiger Physiotherapeut

Florian Kehlert, selbstständiger Physiotherapeut mit Sitz in Würzburg

Mein Name ist Florian Kehlert, ich bin 32 Jahre alt und lebe mit meiner Frau und meinen 2 Kindern in Estenfeld bei Würzburg. Ich bin seit 11 Jahren Physiotherapeut und war vor meiner Selbstständigkeit zuletzt als Leitung einer Medizinischen Trainingstherapie angestellt. Die Arbeit dort war sehr spannend; neben dem gewöhnlichen Alltag in einer Praxis habe ich dort auch viel mit Profisportlern gearbeitet, Gesundheitskonzepte erstellt und hatte ein großartiges Team um mich, in dem jeder von jedem lernen konnte.

Thema Selbstständigkeit: Wolltest du schon immer deine eigene Praxis haben?

Definitiv! Gerade in meinem Beruf ist es wichtig, seine eigene Persönlichkeit in die Arbeit einfließen zu lassen. Nur so kann ich selbst entscheiden, wie genau die Behandlung mit einem Patienten aussieht und wie viel Zeit ich benötige, um ein Behandlungsziel zu erreichen. Jeder, der schon mal zur Behandlung bei einem Therapeuten oder Arzt war, weiß wie wichtig es ist, ob man sich während der Behandlung wohl fühlt. Das fängt ja schon beim ersten Kontakt an: Versteht mein Gegenüber, was mein Problem ist? Werde ich ernst genommen? Kann mir der Typ am Schreibtisch wirklich helfen? Die Rahmenbedingungen, die du dabei als Angestellter in einer herkömmlichen Praxis hast, sind dafür meist schlecht: Viele Patienten in möglichst kurzer Zeit durchschleusen – das habe ich selbst einige Jahre lang erlebt und da wurde mir schnell klar, dass ich so nicht arbeiten möchte.

„Jeder, der schon mal zur Behandlung bei einem Therapeuten oder Arzt war weiß, wie wichtig es ist, ob man sich während der Behandlung wohl fühlt.“

Wieso hast du dich auf Osteopathie spezialisisert?

Als Physiotherapeut machst du ständig Fortbildungen. Irgendwann habe ich an einem Osteopathiekurs über das Kiefergelenk teilgenommen und gemerkt: Das ist es! Den Menschen als ein Ganzes, als ein in sich funktionierendes System zu sehen, das macht wirklich Sinn. Wir haben in Deutschland unser medizinisches System in verschiedene Bereiche aufgeteilt – der Orthopäde schaut sich die Wirbelsäule an, der Internist die Organe, der Neurologe die Nerven. Am Ende stehst du als Patient da und weißt auch nicht wirklich, warum du Schmerzen hast. Du weißt nur: Wenn ich die Pillen nehme, dann wird der Schmerz weniger. Die Ursache dafür bleibt aber meistens unerkannt und die Schmerzen hat man sowieso irgendwann wieder. Die Osteopathie behandelt aber nicht das Symptom, sondern die Ursache der Beschwerden. So haben z.B. ein Großteil der Rückenbeschwerden ihre Ursache gar nicht am Rücken selbst, sondern an den Organen; bei Nacken- oder Kopfschmerzen sollte das Kiefergelenk genauer betrachtet werden, und dass die psychische Situation definitiv über nervale Bahnen Einfluss auf unsere muskuläre Spannung hat, ist denke ich jedem klar.

Welche Herausforderungen begegnen dir tagtäglich als selbstständiger Physiotherapeut?

Die größte Herausforderung in meiner Arbeit liegt wie eben schon erwähnt darin, jeden Patienten mit seiner individuellen Geschichte ernst zu nehmen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Arthur Still, einer der Begründer der Osteopathie, sagte hierzu: „Es ist die Aufgabe des Arztes Gesundheit zu finden, Krankheit finden kann jeder.“ Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass Patienten mit einem riesigen Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule nach nur wenigen Behandlungen am Darm oder dem Becken komplett beschwerdefrei waren. Außerdem ist der Austausch für Physiotherapeuten mit den behandelnden Ärzten häufig schwierig und selten für die Behandlung hilfreich. Hier konnte ich glücklicherweise in den letzten Jahren enge Beziehungen zu einigen Ärzten in der Umgebung aufbauen, so dass man nicht gegeneinander, sondern miteinander daran arbeiten kann, den Patienten effektiv zu helfen.

„Es ist die Aufgabe des Arztes Gesundheit zu finden, Krankheit finden kann jeder.“

Du bist ja fleißiger Billomat-Nutzer: Inwiefern hilft dir das Tool bei deiner Buchhaltung?

Als ich darüber nachgedacht habe, selbstständig zu arbeiten, hatte ich nie Zweifel an meiner fachlichen oder empathischen Kompetenz. Das Einzige, was mir Kopfzerbrechen bereitete war die Frage: Wie kann ich meine Buchführung übersichtlich gestalten und wie mache ich das mit den Rechnungen? Ich hatte zwar zu dem Zeitpunkt schon eine Ausbildung zum Fachwirt im Gesundheitswesen hinter mir, aber theoretisches Fachwissen alleine brachte mich hierbei nicht weiter. Dann hat mir ein Bekannter von Billomat erzählt und das Problem war gelöst: Ein einfaches und übersichtliches Tool machte die Verwaltung meiner Praxis zum Kinderspiel! Ich verwende mittlerweile nur 5-6 Stunden pro Monat für meine Buchführung und kann mich in der übrigen Zeit voll und ganz auf meine Arbeit am Patienten konzentrieren.

Die Digitalisierung macht auch vor der Gesundheitsbranche nicht Halt: hat sich dein Arbeitsalltag bzw. deine Arbeitsweise in der Hinsicht verändert?

Ja und Nein. Ich verwende zwar einen digitalen Terminplaner und tausche mich online mit Kollegen über bestimmte Diagnosen oder Symptome aus. Ich habe eine Homepage und nutze Facebook, Google+ usw. Trotzdem verlasse ich mich in der Behandlung selbst auf das Wichtigste, was der Osteopath zur Verfügung hat: Seine Hände. Was ich während der Behandlung spüre, ist ausschlaggebend für mein therapeutisches Vorgehen. Das kann auch in 100 Jahren kein digitales Instrument ersetzen.

Wie hältst du dich rum um das Thema Gesundheit auf dem neuesten Stand? Sind „Trends“ für dich von Bedeutung?

Ich nehme permanent an Fortbildungen teil, im Schnitt 4-10 Wochenenden pro Jahr. „Trends“ sind dabei immer Thema, haben aber eigentlich nur 3 Hintergründe, und zwar wirtschaftliche, wissenschaftliche oder beides. Mich interessiert dabei vor allem die 2. Gruppe. Ein gutes Beispiel hierfür wären Faszien, die seit einiger Zeit in aller Munde sind. Die Forschung ist auf diesem Gebiet seit einigen Jahren auf dem Vormarsch und das ist auch gut so. Der erste internationale Faszienkongress fand vor ca. 8 Jahren statt, der Blutkreislauf hingegen wurde vor ca. 300 Jahren beschrieben. Es ist an der Zeit, dass sich in der Medizin einiges ändert, und zwar weg von symptomorientierter „Pillenmedizin“ oder unzähligen unnötigen Operationen zu alternativen Heilmethoden. Die Ergebnisse auf diesem Gebiet sprechen dabei für sich, letztendlich gilt für mich der Grundsatz: Wer heilt hat Recht! Solange das dann moralisch vertretbar ist und es nicht nur um Geld geht, habe ich kein Problem damit.

Rückenschmerzen, Schäden an der Wirbelsäule – kommen Patienten auch wegen typischen Bürokrankheiten zu dir?

Definitiv! Wir leben in einer Gesellschaft, in der man zu jeder Tages- oder manchmal sogar Nachtzeit funktionieren muss. Das hinterlässt Spuren. Einer meiner Dozenten sagte hierzu in einer Fortbildung: „Die Faszien sind die Müllhalde der Seele.“ Die Folge sind Verspannungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und vieles mehr. Ganz von der psychischen Situation abgesehen bewegen wir uns viel zu wenig. Hier sollte zusätzlich zur Osteopathie eine effektive medizinische Trainingstherapie erfolgen.

„Wir leben in einer Gesellschaft, in der man zu jeder Tages- oder manchmal sogar Nachtzeit funktionieren muss. Das hinterlässt Spuren.“

Wie kann man vorbeugen?

Ich kann zwar mit meinen osteopathischen Techniken die akuten Beschwerden meist merklich lindern, langfristig muss sich aber jeder Betroffene fragen: Was kann ich selbst für mich und meine Beschwerden tun? Grundsätzlich muss sich jeder Mensch in einer gewissen Balance befinden, und zwar psychisch und physisch. Ein Pauschalrezept hierfür gibt es nicht, Eckpfeiler aber wohl: Ernährung, Bewegung, Lebensweise. Ein Beispiel: Wir verlieren ca. 2,5l Flüssigkeit pro Tag, also sollten wir zumindest die gleiche Menge zuführen, damit alle Systeme im Körper funktionieren können. Wir sind als Menschen zum aufrechten Gehen gemacht – wer also erwartet, dass er ohne Folgen über Jahre hinweg 10 Stunden pro Tag ohne Ausgleich am Schreibtisch verbringen kann, wird enttäuscht werden. Eine Stunde Gehen als Ausgleich kann schon helfen, das tut dem Stoffwechsel und auch der Psyche gut.

Schafft man es als Selbstständiger auch mal abzuschalten? Wie lenkst du dich privat von deinem stressigen Arbeitsalltag ab?

Aber ja! Selbstständig heißt eben nicht gleich „selbst“ und „ständig“. Wer so arbeitet, wird früher oder später mit großen Problemen auf meiner Liege landen. Es sind ja manchmal auch Kleinigkeiten, wie man sich das Leben leichter machen kann. Wir müssen nicht permanent erreichbar sein. So habe ich z.B. nur in meiner Praxis Zugriff auf meine Mails, nicht von zuhause. Ich habe mir ein persönliches Maximum gesetzt, was meine wöchentliche Arbeitszeit angeht – Behandlungen wegen akuten Beschwerden müssten sonst wahrscheinlich auch am Sonntag oder spät in der Nacht stattfinden. Die Freizeit, die ich mir so schaffe, verbringe ich mit meiner Frau und den Kindern, das gibt mir Kraft und Energie. Besonders wichtig ist mir dabei, dass wir zumindest einmal im Jahr einige Wochen gemeinsam auf Fernreisen verbringen. Besonders die Reisen in asiatische Länder wie Thailand oder Sri Lanka haben dabei meinen Horizont erweitert und helfen mir im Alltag dabei, mich auf wesentliche Dinge zu konzentrieren. Wenn der Akku erst mal geladen ist, kann ich wieder voll fokussiert am Patienten arbeiten.

Über Florian Kehlert

Florian Kehlert ist 33 Jahre alt, verheiratet und hat 2 Kinder. Neben seiner Tätigkeit als selbstständiger Physiotherapeut mit eigener Praxis in Würzburg, gehören Reisen und Musik zu seinen Hobbies. Nach erfolgreichem Abitur und dem Besuch der Berufsfachschule für Physiotherapie am Uniklinikum Würzburg, arbeitet er seit 2013 ausschließlich mit osteopathischen Techniken.
Mehr Infos: http://fk-osteopathie.de/

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