Lifestyle   05.8.2013

„Jede Stufe am Eingangsbereich senkt den Umsatz um 10%“ – Jonas Deister von den Sozialhelden im Interview

Die Sozialhelden sind ein Verein, der sich auf ganz innovative Weise für Belange behinderter Menschen und ihrer (eigentlich selbstverständlichen) Inklusion einsetzt. Das gefällt uns so gut, dass Billomat seit diesem Jahr offizieller Sponsor der Sozialhelden ist. Und weil wir sie so klasse finden, wollen wir, dass ihr sie auch einmal kennenlernt.

Die Sozialhelden wurden 2004 von Raul Krauthausen und Jan Mörsch in Berlin gegründet. Seither wurden sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet, und im April 2013 erhielt Raul das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement mit den Sozialhelden. Jonas Deister ist seit 2009 für die Sozialhelden aktiv. Er ist unter anderem für Finanzen und Kooperationsanfragen zuständig. Aber irgendwie machen bei den Sozialhelden alle alles, und deshalb hat uns Jonas unsere zahlreichen Fragen beantwortet.

Das Team der Sozialhelden in Berlin. Hintere Reihe in der Mitte: Jonas  Deister. (Foto: Melanie Wehnert, Sozialhelden)

Das Team der Sozialhelden in Berlin. Hintere Reihe in der Mitte: Jonas Deister. (Foto: Melanie Wehnert, Sozialhelden)

  • Jonas, was macht einen Sozialhelden aus?

Jonas Deister: Ein Sozialheld ist jemand, der nicht wegsieht. Der Probleme beim Namen nennt, nicht meckert, sondern lösungsorientiert ist und an die Arbeit geht, wo andere aufhören. Das ist wie bei einer Sinuskurve. Der erste Höhepunkt ist der „uninformierte Optimismus“: man hat Ideen, denkt „Wow, das wird richtig gut!“ Irgendwann geht die Kurve runter und man denkt „Wir haben kein Geld“, „Das hat schon jemand anders gemacht“ und so weiter. Durch diesen Tiefpunkt muss man aber durch, und genau das ist unsere Stärke: Wir gehen das als Team an. Und wir gehen gemeinsam durch diesen Punkt des „informierten Pessimismus“ konstruktiv durch, suchen Lösungen und Partner und ziehen das dann durch.

Helden widerstehen dem Drang, die eigene Tatenlosigkeit zu rechtfertigen

  • Mit Eurem Projekt „Leidmedien“ wehrt ihr euch gegen das Etikett „Opfer“ oder „Held“, das Behinderten allgemein anhaftet, insbesondere in der Presse. Dennoch nennt ihr euch selbst „Helden“. Ist das nicht ein Widerspruch?

Jonas: Erstmal nicht, denn der Begriff hat für uns auch durchaus was Ironisches. Der amerikanische Psychologe Philip Zimbardo definiert Helden so: sie widerstehen dem Drang, die eigene Tatenlosigkeit zu rechtfertigen. Das ist eine Definition, die wir unterzeichnen können. Wir sehen uns nicht als was Besonderes und haben den Heldenbegriff deshalb für uns bewusst entschärft.

  • Dennoch könnt ihr es nicht umgehen, dass er in der Presse wieder und wieder gebraucht wird.

Jonas: Stimmt, oft wird die Behinderung zur Nachricht, aber nicht die Leistung der Person. Wir kritisieren sowas wie: „trotz seines Schicksals erklimmt er …“, „er leidet an …“, „hat’s doch so schwer …“ Wir wollen die Behinderung in den Hintergrund treten lassen und wünschen uns klischeefreie Berichte. Als wir die „Leidmedien“ rausbrachten, bekamen wir gutes Feedback von den großen Medien, die auch direkt was geändert haben. Wir wollen aber gar nicht die Deutungshoheit haben, keinen erhobenen Zeigefinger. Wir wollen damit nur Anregungen und Tipps geben.

  • Nichtsdestotrotz sieht man immer wieder Behinderte, die ein Buch über ihr Leben mit der Behinderung schreiben und das in Talkshows promoten.

Jonas: Die Frage ist, ob sie immer vorher wussten, was draus gemacht wird. Wenn sie sich dafür bewusst entscheiden, dann ist das für uns o. k. Das ist zwar nicht in unserem Sinn, aber jeder Mensch trifft individuelle Entscheidungen, die nicht immer alle gut finden. Wir wollen ihnen aber zeigen, dass sie durchaus Einfluss darauf haben, wie über sie berichtet wird.

Gute Ideen sterben bei uns nicht den PowerPoint-Tod

  • Die Wheelmap ist das bekannteste Projekt der Sozialhelden (hier ein Screenshot der Stadt Hannover).

    Die Wheelmap ist das bekannteste Projekt der Sozialhelden (hier ein Screenshot der Stadt Hannover).

    Euer bekanntestes Projekt ist die Wheelmap, auf der ihr weltweit Informationen darüber sammelt, welche Orte für Behinderte zugänglich oder speziell ausgerüstet sind, durch Rampen oder behindertengerechte Eingänge oder Toiletten.

Jonas: Genau. Wir wollen gute Ideen nicht den PowerPoint-Tod sterben lassen. Wenn wir daran glauben und sie für wichtig halten, dann wollen wir zumindest einen Testballon in die Welt setzen. Am Anfang dachte ich bei der Wheelmap: Wow, was für ein Riesenprojekt! Heute ist es das tragende Pferd, das weltweit größte Projekt dieser Art.

  • Sie wird ja sehr gut angenommen. Mittlerweile gibt es sogar eine Wheelmap-App für Smartphones.

Jonas: Wir schauen aber auch, inwieweit wir verstärkt Offline-Projekte machen wollen. Durch die Wheelmap haben wir vermehrt Community-Aktivitäten. Aber wir sprechen auch lokale Gruppen wie Schulklassen und soziale Projekte an. Die Leute sollen selber motiviert werden, einen Blick für Stufen zu bekommen. Auch bisher nicht Betroffene sollen sich des Problems bewusst werden, aber spielerisch und mit modernen Mitteln.

Auf der nächsten Seite: „Manche wollen keine Rollstuhlfahrer im Laden haben. Das ist krass.

Seiten: 1 2 3 4

Verwandte Artikel

Das könnte dich auch interessieren

Ehrenamt in der Steuererklärung: So kannst du Steuern sparen!
Finanzen

Ehrenamt in der Steuererklärung: Wie Du mit sozialem Engagement …

Wenn Du ehrenamtlich tätig wirst, kannst du nicht nur deine Zeit sinnvoll nutzen, sondern auch der Öffentlichkeit zeigen, dass du …
Finanzen

Welche Firmen müssen Ausgleichsabgabe zahlen?

Die sogenannte Ausgleichsabgabe wird fällig, wenn eine Firma nicht ausreichend Schwerbehinderte in ihren Betrieb integriert hat. In Deutschland sind Unternehmen …

ePaper Digitale Nomaden

Arbeiten & Reisen: Dein neues Leben als digitaler Nomade

Alles was du zu Beginn deiner Karriere als digitaler Nomade wissen solltest:
Mit Klick auf den Button erkläre ich mich mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden.

Privat: Billomat 60 Tage kostenlos testen

Mit der Anmeldung akzeptierst du die AGB.

Newsletter
Newsletter
Kontakt
Folge uns
Deine Einstellungen zu Cookies für diese Website:

Wähle selbst aus, welcher der nachfolgenden Cookies die Website verwenden darf. Du kannst diese Einstellungen jederzeit wieder über unsere Datenschutzbestimmungen ändern.

Ändere deine Cookie-Einstellungen mit dem Schieberegler:
Notwendig
Notwendig
Statistik
Statistik
Komfort
Komfort
Targeting
Targeting